• Zwei Kinder lernen am Rechner

    Schulen aus der Kreidezeit holen

    Erschienen als Gastbeitrag in der Fuldaer Zeitung vom 26. Juli 2016

    Sie fragen sich vielleicht: Warum keine Kreide mehr? Ich erinnere mich gut an den Aufschrei, als die hessischen Freien Demokraten im Frühjahr einen Tablet-Computer für jeden Drittklässler und ein Notebook für jeden Siebtklässler gefordert haben. Das „Warum“ hat etwas mit den Lebensrealitäten zu tun: Egal ob in der Freizeit, bei der Tätigkeit im Verein oder im Beruf: Es gibt fast kein Feld des Lebens mehr, in dem die jungen Menschen nicht mit dem digitalen Leben konfrontiert sein werden.

    Als Schüler tauschen sie sich genauso über Whatsapp aus, wie sie später ihre Bewerbung per E-Mail verschicken werden. In der Industrie gibt die Maschinenbedienerin den Fertigungsauftrag ebenso am Touchscreen frei, wie der Hotelangestellte in der Rhön eine Hotelbuchung über das Internet bestätigt. Kurz: Die Digitalisierung ist heute schon überall.

    Nur in unseren Schulen, da sind wir noch in der Kreidezeit. Verstehen Sie mich nicht falsch, ich bleibe überzeugt, dass vor allem anderen das Erlernen und Stärken von Lesen, Schreiben und Rechnen stattfinden muss. Im Anschluss daran jedoch kann digitale Bildung Schüler weiterbringen: Moderne Lernsoftware kann Schüler mit Problemen motivieren, dran zu bleiben. Wer beim Rechnen Probleme hat, wird nachmittags mit seinem Tablet-Computer und didaktisch aufbereiteten Programmen zum Mathe-Lernen eher noch üben, als wenn er dafür erst ein Buch aus der Bibliothek ausleihen muss.

    Wichtig dabei ist, dass Lernsoftware und digitale Bildung mehr sein soll als nur eine ePaper-Funktion eines Buches: Die große Stärke eines Tablet-Computers oder Notebooks ist, dass es interaktiv und multimedial ist.

    Die Schülerin, die im Sachkundeunterricht der vierten Klasse Probleme mit dem Verständnis des Wasserdrucks hat, kann das nicht nur im Buch nachlesen, sondern auch in einem kurzen Video die Wirkung von Wasser, das aus einem Hochbehälter kommt, sehen und mittels einer Lern-App mit dem Wasser virtuell experimentieren. Während sie das in der Grundschule vielleicht ein- oder zweimal real experimentieren könnte, kann sie es in der App beliebig oft nachspielen. Der Achtklässler, der Probleme mit englischen Vokabeln hat, kann diese nicht nur stur vom Blatt oder aus dem Buch auswendig lernen und sich dabei am Ende noch eine falsche Aussprache angewöhnen. Er kann vielmehr das englische Wort richtig vorgesprochen bekommen, Vokabeln spielerisch in einem Lernspiel festigen und vertiefen und sie direkt in einem Referat, das er auf seinem Notebook entwickelt, nutzen.

    Durch gute Lernsoftware können Schüler, die bei reinem Frontal- und Gruppenunterricht kombiniert mit Bücherlernen schlechtere Chancen hätten, individueller gefördert werden, sie können Spaß am Lernen und an der für sie besten Lernweise entwickeln. Sicherlich folgen daraus für Lehrkräfte Herausforderungen – aber auch große Chancen.

    Digitale Bildung hilft Schülerinnen und Schülern auch, rechtzeitig die nötige Medienkompetenz zu erlangen:

    Dass manches dauerhaft sichtbar in sozialen Medien wird, lässt sich bei praktischer Anwendung leichter zeigen als in einer Kreidezeichnung an der Tafel. Kurzum: Schule, die nach dem Erlernen der Grundfähigkeiten Lesen, Schreiben und Rechnen digitale Bildung nutzt, um allen Schülern kindgerecht individuelle Förderung zukommen zu lassen, kann mehr Lebenschancen eröffnen als eine Schule in der Kreidezeit.

    Um dies alles zu erreichen, brauchen wir eine gemeinsame Anstrengung: Wir brauchen Kreise, die in Smartboards, EDV-Support und schnelles Internet investieren. Wir brauchen Länder, die Tablet-Computer und Notebooks mit Lernsoftware – und nicht nur von den großen Verlagen – besorgen. Wir brauchen den Bund, der eine Verzahnung zwischen den Bundesländern ermöglicht.

    Und alle zusammen sollten dabei den Schulen möglichst große Freiheit geben, um ihre Schüler individuell zu fördern: Damit die Physiklehrerin genau wie der Lateinlehrer diese Möglichkeiten nutzen kann.

     


    Den gesamten Beschluss der FDP Hessen, der diesem Gastbeitrag zugrunde liegt, finden Sie hier.

  • Ausschuss für Bildungswesen und Kultur

    Sitzung des Ausschuss für Bildungswesen und Kultur des Kreistages zur Vorbereitung der Kreistagssitzung.

  • Kevin, Chantal, Sophia und Maximilian*

    Oder: Worum geht es eigentlich bei Durchlässigkeit?

    Beitrag im Mitgliedermagazin jung + liberal des Bundesverbands Junge Liberale e.V. – Illustration aus dem Magazin durch die Agentur Himmel & Jordt

    Bei der gesamten Bildungsdiskussion ist der Begriff Durchlässigkeit eine Chiffre für Aufstiegschancen in einer Gesellschaft. In Zeiten eines aufkommenden Fachkräftemangels brauchen wir jeden klugen Kopf. Platt gesprochen und stark verkürzt haben wir das Problem, dass ein Kevin aus vermeintlichen Problembezirken wie Berlin-Neukölln, dem Gallus in Frankfurt oder der Nordstadt in Kassel, selbst wenn er genauso fleißig und intelligent ist, im Moment so gut wie nie den gleichen Abschluss erreichen wird, wie eine gleich schlaue Sophia aus Zehlendorf in Berlin, Königstein bei Frankfurt oder vom Brasselsberg in Kassel.

    Aber was sind die Unterschiede, mit denen Kevin oder Chantal bzw. Sophia oder Maximilian konfrontiert werden?

    Herkunft zählt – auch bei Stadtteilen

    Kevin wird schon im Kindergarten in der Kasseler Nordstadt weitaus weniger Deutsch hören als Sophia am Kasseler Brasselsberg. Die beiden werden sich wahrscheinlich nie begegnen. Denn während Sophia nachmittags von ihren Eltern oder ihrer Kinderfrau zur musikalischen Früherziehung gefahren wird, wird Kevin – während seine Eltern noch arbeiten – wohl vor der Xbox daheim hocken. In den Schulferien wird Sophia Rom, Paris und Langeoog entdecken und im Garten toben. Kevin wird die meiste Zeit in der Nordstadt verbringen, wenn es gut läuft mit seinen Freunden – die wahrscheinlich größtenteils nur gebrochen Deutsch sprechen – auf dem Bolzplatz Fußball spielen und im schlechtesten Fall nur vor der Glotze hängen. Beide werden hoffentlich eine glückliche Kindheit haben, aber sie wird sehr verschieden sein. An der Schule am Brasselsberg wird Maximilian kein Kind kennenlernen, das nicht als Muttersprache Deutsch spricht. In der Nordstadt könnte es Kevin passieren, dass er das einzige Kind seiner Klasse mit Deutsch als Muttersprache ist, falls Deutsch überhaupt seine Muttersprache ist. Unterstützt von ihren Eltern dürfte Sophia schon mehrere dutzend Kinderbücher gelesen haben, bis Chantal in der Schule ihr erstes Buch fertig gelesen hat. Bereits bis zum Wechsel an die weiterführende Schule werden Sophia und Maximilian deshalb einen umfassenderen Wortschatz haben, ganz andere Erfahrungen gemacht und über andere Themen gesprochen haben. Wahrscheinlich werden sie Kevin und Chantal trotz gleicher Intelligenz an manchen Stellen nahezu uneinholbar enteilt sein.

    Abgehängt mit 10 Jahren

    Beim Wechsel in die weiterführende Schule wird Kevin nicht nur (aber auch) wegen seines Namens wahrscheinlicher als Maximilian trotz seiner Intelligenz eine Realschulempfehlung erhalten. Oder wenn es schlecht läuft, weil er wegen seiner Intelligenz so unterfordert war und nur noch den Klassenclown gegeben hat, sogar eine Hauptschulempfehlung kassieren. Da seine Eltern aus einer sogenannten bildungsferneren Schicht kommen, werden sie diese Empfehlung eher akzeptieren. Wenn Kevin Glück hat, schicken sie ihn danach auf eine Integrierte Gesamtschule und nicht auf die Hauptschule. Für Sophias Eltern wird mehr oder weniger ab Geburt klar gewesen sein, dass ihre Tochter aufs Gymnasium gehen wird. Selbst wenn – wider Erwarten – die Tochter eine Realschulempfehlung erhalten würde, würden die Eltern diese überstimmen und sie mit entsprechender Nachhilfe überschüttet aufs Gymnasium schicken.

    Sophia und Chantal sind inzwischen keine vierzehn Jahre alt, haben aber schon ganz andere Bildungsniveaus, nur, weil sie aus unterschiedlichen Elternhäusern kommen. Mancher mag sagen, es handelt sich hierbei um die Extremfälle und das sei nicht zu vermeiden. Aber es gibt mir zu viele dieser Extremfälle, denen Aufstiegschancen eben nicht durch das Bildungssystem eröffnet, sondern durch Herkunft verbaut werden. Formelle Hürden – wie Probleme mit bürokratischen Strukturen oder nicht-existente Betreuungsangebote – müssen genauso wie informelle Hürden – wie Angst zu scheitern oder fehlendes Wissen über das Bildungssystem – angegangen werden: Als Kreistagsabgeordneter habe ich Schüler kennengelernt, deren Eltern das deutsche Bildungssystem schlicht nicht kannten und Kinder, die später Abitur gemacht haben, in der Hauptschule anmelden wollten. Im Freundeskreis kenne ich Studentinnen, die als Kinder von Hartz IV-Empfängern kein BaFöG beantragt oder nach einem Stipendium geschaut haben, weil sie Angst vor der entsprechenden Bürokratie hatten.

    Es geht Liberalen nicht darum, á la Linkspartei eine Gesellschaft zu bauen, in der durch Umverteilung und Bevormundung der Einzelne – egal ob faul, ob dumm – immer das Gleiche erhält. Es geht darum, persönliche Chancen zu eröffnen: für die fleißige Tochter des Müllwerkers genauso wie für den vielleicht nicht ganz so klugen Professorensohn.

    Chancen eröffnen statt gleich machen

    Dafür müssen wir das gesamte Bildungssystem stärken und Informationen schaffen: Eltern müssen unterstützt werden, wenn sie unsicher sind, weil sie wenig Erfahrung mit dem Bildungssystem haben. Es geht nicht um einen Grabenkrieg zwischen Schulsystemen, sondern darum, dass in Gesamtschulen genau wie in Gymnasien, Hauptschulen und Realschulen die Leistungsstarken ebenso wie die Leistungsschwachen unterstützt werden. Sowohl in der frühkindlichen Betreuung als auch in der späteren Betreuung an den Schulen – nachmittags, wie auch in Ferienzeiten – liegen Schlüssel, die zur Durchlässigkeit unserer Gesellschaft beitragen. In New York gab es in der Bronx Schulen, die es allein durch Ferienbetreuung und ausgedehntere Betreuungszeiten am Nachmittag geschafft haben, sich vom Ende auf die Spitzenplätze der nationalen Bildungsrankings vorzukämpfen. Mit dem richtigen Konzept kann es also funktionieren. Dafür brauchen wir gut ausgestattete Schulen und Vielfalt im Schulsystem, für manchen ist ein altsprachliches Gymnasium das richtige, für manchen eine integrierte Gesamtschule und für manchen eben auch eine gute Hauptschule.
    Das höchste Ziel liberaler Bildungspolitik muss es deshalb sein, nicht die Unterschiede von Elternhäusern zu übertünchen, aber jedem unabhängig von Eltern, Namen und Wohnviertel aus dem er oder sie kommt, die bestmögliche, eben den jeweiligen Leistungen entsprechende Bildung zu teil werden zu lassen.

    * Die Namen sind Synonyme. Der Autor bittet alle Chantals, Sophias, Kevins und Maximilians bereits vorab um Entschuldigung für die unzulässige Namensverallgemeinerung 😉

  • Ausschuss für Bildungswesen und Kultur

    Der Ausschuss für Bildungswesen und Kultur bereitet die Kreistagssitzung zu Themen wie Schule, Ausbildung, Innovation und Kultur vor. In diesem Gremium bin ich stimmberechtigtes Mitglied. Auf der Homepage des Kreises können Sie die Tagesordnung einsehen.

  • „Lebenschancen“ … das heißt vor allem Bildung

    Christian Lindner hat sehr zu recht im Artikel in der ZEIT auch den Begriff „Lebenschancen“ angesprochen. Das ist ein zentrales Leitbild, das – von Dahrendorf geprägt – ein Schlüssel zum modernen Liberalismus ist:

    Nur wenn durch Freiheit und Bildung ein Rahmen geschaffen wurde, mit dem junge Menschen wirklich alle Chancen eröffnet bekommen, können Liberalismus und Eigenverantwortung voll zur Geltung kommen. Deshalb brauchen wir ein Bildungssystem, das weggeht von den ideologischen Grabenkämpfen der Vergangenheit, ob nun ein dreigliedriges Schulsystem oder Gesamtschulen besser sind. Beide Schulformen können gute Ergebnisse abliefern. Deshalb sollten wir eine bessere Ausstattung an den Schulen anmahnen, anstatt Schulformkriege zu führen.
    Es gibt Zahlen, nach denen den Staat ein Hauptschüler innerhalb der regulären Hauptschule oder Gesamtschule zwischen 3000 und 4000 Euro im Jahr kostet … ein Hauptschulabbrecher in einer Qualifizierungsmaßnahme zum Hauptschulabschluss hinterher teilweise aber weit über 10000 Euro im Jahr. Wir setzen die falschen Prioritäten, wenn wir hinterher heilen wollen, was der Staat am Anfang falsch gemacht hat. Deshalb halte ich eine Verlagerung hin zu einem Chancen eröffneten, vernetzten Bildungssystem, in dem Schulsozialarbeit, Schulpsychologie und Unterricht Hand in Hand gehen und die Lehrer sich wirklich auf das unterrichten konzentrieren können und durch Schulassistenten und das Umfeld entsprechend von anderen Aufgaben entlastet werden.

    Genau dafür brauchen wir dann aber mit den Bildungsgutscheinen für das Erststudium und die Ausbildung ein schlüssiges Gesamtkonzept mit dem wir wirklich arbeiten und eben Lebenschancen ohne Neiddiskussionen eröffnen können. Das ist aus meiner Sicht eine der sozialsten Wege Politik zu machen:

    Lebenschancen auf dem Weg zur Freiheit ermöglichen und positive Freiräume schaffen.