• Fahren rote Autos wirklich schneller – Sarrazin und ein paar seiner (Trug-) Schlüsse hinterfragt

    Schon seit einiger Zeit wollte ich etwas zu Thilo Sarrazin, genauer: zu seinen Thesen bloggen, jetzt komme ich endlich dazu. Vorweggesagt:  Ich habe mir nicht das Buch gekauft und werde es auch nicht tun. Warum? Weil ich fest davon überzeugt bin, dass es – neben der Befriedigung seiner generellen Profilneurose, die in jedem Quartal, in dem er noch nicht mit einer irren Forderung in der BILD stand, ausbricht – Sarrazin vor allem um das Hochtreiben seiner Auflage ging.

    Nichtsdestotrotz wäre es zu einfach, wenn ich mich jetzt hinstellen würde und einfach alle Behauptungen, Thesen und Fakten unhinterfragt bei Seite schieben würde.

    Im Handelsblatt gibt es eine schöne Passage von Christoph M. Schmidt, die schon viele der statistischen Fehler Sarrazins aufzeigt, gerade die Kausalität ist häufig das Problem:

    „Führte man auf deutschen Autobahnen Geschwindigkeitsmessungen durch und wertete sie nach Farben getrennt aus, dann würde sich vermutlich herausstellen, dass rote Autos im Schnitt schneller fahren als lindgrüne oder hellblaue. Das dürfte wohl an mehreren Ursachen liegen, etwa, dass Ferraris oft rot sind und dass vor allem sehr defensive Fahrer ein pastellfarbenes Auto erwerben. Auf die Idee, die roten Fahrzeuge wären schneller, weil sie rot sind, käme aber hoffentlich niemand.“

    Dort wird viel Statistisches richtig ausgeführt, deshalb möchte ich hier nur einige wenige inhaltliche Punkte kritisch hinterfragen und beleuchten:

    Abgesehen davon, dass viele wahrscheinlich den Begriff „autochtone Bevölkerung“ (zu Deutsch: eingeborene Bevölkerung) in den vergangenen Wochen erstmals gehört haben dürften, finde ich gerade diese Begriffswahl für einen Nachkommen der Hugenotten zumindest amüsant. Nach strikter Definition ist Sarrazin – genausowenig autochton an dem Ort, an dem er heute lebt – wie ich: Meine Familie stammt aus dem heutigen Polen, dem früheren Schlesien. Sarrazins Vorfahren kamen aus Frankreich und wurden dort, weil sie sich nicht religiös anpassen wollten, vertrieben. Gerade daraus dann abzuleiten, dass Integration nur durch Anpassung erfolgen kann, ist eine mutige These. Für mich gelingt Integration dann, wenn man sich den Grundwerten Respekt und Toleranz und dem Grundgesetz unterwirft und nicht, in dem man sich zum Beispiel religiös anpasst.

    Aber auch andere Thesen, wie „Dieses Europa der Vaterländer ist säkulär“, gehen, gerade verglichen mit dem türkischen Staat soweit an der Realität vorbei, dass man sich nur wundern kann. hat sich die Türkei mit „Wir sind Papst“ gebrüstet, noch wird dort durch den Staat zwangsweise ein Mitgliedsbeitrag für Sunniten oder Aleviten eingezogen.

    Sarrazin hebt hervor, dass die Grenze Europas am Bosporus zu ziehen sei. Ich frage mich dabei, ob er sich schon mal einen beliebigen Euro-Schein, den er ja bei der Bundesbank hätte kennenlernen können, etwas genauer angeschaut: Da sind Inseln, die erheblich südlich des Bosporus in Afrika liegen genau wie Landstriche, die erheblich westlich in Südamerika liegen, als Teil Europas drauf …

    Man kann darüber nachdenken, das viele Länder – auch die Türkei – momentan noch nicht soweit sind, Teil der Europäischen Union zu sein, und die Europäische Union noch nicht soweit ist, weitere Länder aufzunehmen, aber das jetzt an einer Meerenge festzumachen, erscheint mir wenig plausibel.

    Was mich am meisten aufregt an  den  Auszügen Sarrazins, die ich lesen konnte, sind  seine wilden Behauptungen, die als Faktenbeschreibung in den Raum gestellt werden, gekoppelt mit einer kompletten Befreiung der Texte von neuen konstruktiven Lösungsansätzen.

    Da wird einfach mal in den Raum gestellt, dass Türken und Marokkaner keinen Beitrag zum Wohlstand in Deutschland erbracht hätten. Vielleicht liegt es daran, dass ich mehrere Jahre als Kommunalpolitiker im Ausländerbeirat des Landkreises Kassel verbracht habe:  Die türkischstämmigen Mitglieder dort arbeiten größtenteils im Schichtdienst am Band bei Volkswagen. Ohne sie wäre mein Auto wahrscheinlich nicht in der Garage. Das würde manchen Grünen freuen, mich aber nicht, so dass zumindest meine Wohlfahrt, aber relativ sicher auch der Wohlstand der Bevölkerung erhöht worden sein dürfte. Das ständige Arbeiten mit verdrehten Statistiken, nicht belegten Zahlen und rassistischen Unterstellungen mit Blick auf Migranten á la „Wenn dann noch etwas Schwarzarbeit dazukommt – umso besser“ scheint systemisch angelegt zu sein.  Oder wo ist der Beleg (der unmöglich zu führen sein dürfte), das Schwarzarbeit nur ein Problem türkischer und marrokanischer Migranten sei?

    Alles in allem zeigt Sarrazin eigentlich nur ein Problem auf: Dass das Thema „Integration“ so nicht sachlich diskutiert werden kann. Denn: Natürlich haben wir riesige Integrationsprobleme. Die werden aber nicht besser durch rassistisch eingefärbte Polemiken. Und Lösungsansätze wären auch ganz schön: Eine echte Diskussion, um Bildung, um Beratung, um frühkindliche Bildung, anstelle von hohlen Phrasen einer Datenbank aller „nicht deutschen Staatsbürger“,  würde mehr bringen. Sarrazin thematisiert Probleme, nur Lösungen liefert er – außer abgekauten Ideen, die entweder nur dumpfen Populismus oder längst abgedroschene Banalitäten beinhalten – nicht. Hinzukommt gerade mit seinen Gen-Diskussionen im Nachgang auch noch ein Abdriften in komplett  unsinnige Vergleiche der 1930er und 1940er Jahre. Das bringt uns keinen Millimeter weiter. Ganz im Gegenteil. Ich könnte jetzt die Zahlen rausholen, dass die Schulabschlüsse von Migranten seit Zuwanderungsbeginn um 800 Prozent gestiegen sind, aber auch das würde dem Problem nicht gerecht, weil es wieder nur vereinfachen und verkürzen würde.

    Gerade wir JuLis sind gefragt, nicht nur das Problem zu analysieren, sondern Antworten zu liefern. Das ist eine Herausforderung für den Leitantrag „Lebenschancen“ im kommenden Frühjahr.


    (Bildquelle: Wikipedia, Nutzerin: Nina)

5 Comments

  1. Bildung says: 25. Januar 2011 at 02:24Antworten

    Guten Abend,

    die von ihnen, Herr Becker , zitierte Metapher ist völlig sinnfrei , vieleicht sollten sie sich doch einmal das Buch von Herrn Sarrazin zu Gemüte führen, dann würden sie nicht so unqualifizierte Äußerungen von sich geben.
    Kaufen sie sich das Buch doch von den Verbandsgeldern von denen sie so hervorragend leben.
    Oder setzen sie es doch von der Steuer ab ? Als „Arbeitsmaterial“ sozusagen.
    Auf jeden Fall könnten sie dann immerhin sachlich den Unfug von Anderen nachreden und nicht absoulut sinnfreien Müll auf ihre Homepage setzen.
    Arme junge Liberale, arme FDP !!!
    R.I.P

    es grüßt,

    die Bildung

  2. Hans says: 31. Januar 2011 at 18:05Antworten

    Kleine Anmerkung:

    Herr Sarrazin liefert viele Lösungen…

  3. Lasse says: 12. März 2011 at 21:24Antworten

    So wenig Bildung entlarvt sich selbst. Ich lebe nicht von Verbandsgeldern. Ich kriege keinen Cent für mein ehrenamtliches Engagement bei den JuLis und mache es trotzdem gerne. Mehr braucht man allein schon aufgrund offensichtlicher Nicht-Zurechnungsfähigkeit kaum zu erwidern.

  4. Robert Schnell says: 28. März 2011 at 14:44Antworten

    Hallo Lasse,

    deine Äußerungen zu einem Buch was du nie gelesen hast sind einfach nur albern.Ich sehe ja wie du die Julis versucht zu führen.Gestern demontierst du öffentlich das liberale Lager und morgen wirbst du für eine Ampelkoalition.Das Buch „Deutschland schafft sich ab“ ist sehr genau und stützt sich auf gut recherchierte Statistiken.Vielleicht solltest du es lesen bevor du in den Jammerchor von Roten und Grünen einsetzt.
    In erinnere dich nun auch noch mal öffentlich du bist ( noch ) Bundesvorsitzender der Julis also führe den Verband wie liberale und nicht wie eine Mischung aus Jusos und Grüner Jugend.

    Mit freundlichen Grüßen

    Robert Schnell

  5. Wulf Hanke says: 16. März 2012 at 08:48Antworten

    Sehr geehrter Herr Becker,

    als ich Sie gestern in einer Fernsehtalkshow gesehen habe, hatte ich den Eindruck, dass Sie sich angenehm von den vielen Sprechblasenabsonderern die derzeit auf allen politischen Ebenen die Szene beherrschen abheben, weil Sie inhaltlich etwas mehr zu bieten haben.
    Mit Ihren Anmerkungen zu einem Buch, dass Sie nicht gelesen haben zeigen Sie mir leider sehr deutlich, dass ich mich geirrt habe.
    Es entbehrt nicht einer gewissen Komik, wie Sie ausgehend von aus dem Zusammenhang gerissenen Zitaten meinen Sarrazin zu widerlegen, indem Sie letztlich zu annhähernd identischen Ergebnissen kommen.
    Mein dringender Rat: besorgen Sie sich das Buch und lesen es! Wenn sie vermeiden wollen, dass Herr Sarrazin dabei Geld verdient, können Sie es machen wie ich und das Buch in einer Bibliothek ausleihen. Ich musste dabei allerdings schnell feststellen, dass die normale Leihfrist nicht ausreicht um sich durch dieses Werk zu arbeiten; die Stadtbücherei meiner Heimatstadt mag es außerdem überhaupt nicht, wenn man ein Buch mit Randkommentierungen (zustimmend und kritisch) versieht zu denen mich die Lektüre immer wieder gereizt hat. Letztlich habe ich es doch gekauft, weil ich es gerade für einen politisch denkenden Menschen auf jeden Fall für lesenswert und einer mehr als oberflächlichen Aueinandersetzung wert halte.

    Grüße
    W. Hanke